Das Ende der Ultralockeren EZB-Geldpolitik?

12.07.2017

Während sich die Börsen im ersten Halbjahr als überaus freundlich und ruhig präsentierten, sorgte EZB-Präsident Mario Draghi mit einer Ansprache im portugiesischen Sintra in den letzten Juni-Tagen für Turbulenzen. Seine Rede wurde von den Marktteilnehmern als unerwartet „hawkish“ interpretiert

Die Zentralbank werde, so die Interpretation, die außerordentlich expansive Geldpolitik (insbesondere das Anleihekaufprogramm) früher als bisher erwartet beenden. In Folge stiegen die Kapitalmarktrenditen in Europa und den USA deutlich an, wodurch die Kurse von Aktien und insbesondere Anleihen Rückgänge verzeichneten. Draghi wollte die Kapitalmärkte vorsichtig auf eine Rückführung des Anleihekaufprogramms vorbereiten. Das scheint legitim. Für eine Rückführung des Anleihekaufprogramms lassen sich zwei Argumentationslinien anführen: 

1. Der wirtschaftliche Ausblick hellt sich weiter auf.

Aufgrund der gestiegenen Wachstumsaussichten im Euroraum steigt der Druck auf die EZB, die ultralockere Geldpolitik zu drosseln. Insbesondere das Anleihekaufprogramm ist vielen Kritikern, vor allem aus Deutschland, ein Dorn im Auge.

2. Der EZB gehen schlicht und ergreifend die kaufbaren Anleihen aus.

Dieses Argument würde wohl kaum in einer offiziellen Erklärung der Notenbank stehen. Es ist aber ein offenes Geheimnis, dass der EZB die Anleihen ausgehen, die sie noch kaufen kann. Lieber argumentiert sie daher eine Drosselung des Kaufprogramms öffentlich mit der Konjunkturerholung als damit, dass ihr die Munition ausgeht. Denn damit würde sie zeigen, dass ihr Vertrauen in die Konjunktur- und Inflationsentwicklung zwar gering ist. Ihr aber die Mittel fehlen, weiter unterstützend zu wirken.

Während das Zurückfahren des Anleihekaufprogramms in einigen Monaten also unausweichlich scheint, bleibt die Frage nach dem wahren Grund wesentlich. Die Reaktion der Kapitalmärkte in Form steigender Zinsen und eines starken Euros zeigt, dass sie unserer ersten Argumentationslinie folgen. Bewahrheitet sich dieses Szenario, könnten die europäischen Zinsen gemeinsam mit dem Euro noch weiter steigen. Das wäre kurzfristig schmerzhaft. Fallende Rentenkurse wären die Folge. Und wohl auch fallende Aktienmärkte. Mittel bis langfristig wäre diese Entwicklung allerdings zu begrüßen. Stiegen damit doch wieder die Ertragsaussichten über alle Anlageklassen.

Gleichzeitig versucht die EZB derzeit zu kalmieren. Sie hat kein Interesse daran, dass die Kapitalmarktrenditen und der Euro zu stark steigen. Mehrfach wurde in den ersten Juli-Tagen daher betont, dass die Fortführung der expansiven Geldpolitik angesichts der schleppenden Inflationsentwicklung alternativlos ist. Was uns bevorsteht ist eine vorsichtige und behutsame Rückführung einzelner Maßnahmen. Gleichzeitig steht außer Frage, dass die Notenbank bei ersten Zeichen nachlassender Wachstums- und Inflationsprognosen ihre Programme wieder hochfährt. Dafür will sie Pulver im Trockenen halten.

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