Portfoliotheorie © Capital Bank

Wie Sie den häufigsten Fehler in der Geldanlage vermeiden

09.11.201709. November 2017 5 min Lesezeit

Viele Enttäuschungen, Fehlschläge und Verluste von Anlegern hätten verhindert werden können, wenn sie sich an einer einfachen Theorie orientiert hätten.

Sie wurde bereits vor 65 Jahren entwickelt und gilt unter institutionellen Anlegern seit Jahrzehnten als Standardtheorie. Im Jahr 1990 wurde sie sogar mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Die Rede ist von der "Modernen Portfoliotheorie" nach Harry M. Markowitz. Er erbrachte einen wissenschaftlichen Nachweis darüber, was schon kleine Kinder lernen: Nicht alle Eier in einen Korb legen. Aber was hindert Privatanleger daran, Markowitz‘ Erkenntnisse zu nutzen und große Fehler und damit zu hohe Verluste zu vermeiden?

Ist es Unwissenheit? Eine allgemeine Skepsis an wissenschaftlichen Modellen? Die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten? All das mag für einzelne Investoren zutreffen. Es vermag aber nicht zu beschreiben, warum die Moderne Portfoliotheorie derart selten von Privatanlegern angewandt wird.

Auch wir finden, dass es gute Gründe für Privatanleger gibt, die "Moderne Portfoliotheorie" nicht anzuwenden. Oder sagen wir: nicht immer anzuwenden. Wir selbst nutzen die "Moderne Portfoliotheorie" in der Vermögensverwaltung mit großer Überzeugung. Daher wissen wir aber auch sehr genau, wo die Schwierigkeiten des Modells für viele Anleger liegen. Und auf diese führen wir auch die mangelnde Anwendung zurück. Wir möchten Ihnen im Folgenden daher nicht nur zeigen, wie sie sich vor Fehlern schützen können, sondern auch wie Sie Markowitz richtig anwenden, übermäßiges Risiko vermeiden und trotzdem nicht auf die "Extraportion Chance" verzichten müssen. 

Die Moderne Portfolio-Theorie – und warum sie manchmal fehlschlägt

Es liegt, wie so oft, am Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Und damit könnten Sie diesen Absatz eigentlich schon überspringen. Ginge es hier nicht auch um das Verständnis, wie man die Theorie in die Praxis umsetzen kann.

  1. Anlageperiode: Um das Modell möglichst einfach zu halten, unterstellte Markowitz, dass der Anlagehorizont des Anlegers eine – und nur eine – Periode umspannt, deren Dauer dem Anleger bekannt ist. Diese Annahme ist für institutionelle Anleger wenig problematisch. Sie haben klare Vorgaben über den Zeithorizont, über den ihre Leistung gemessen wird. Als Privatanleger aber ist man nicht nur mit dem Problem konfrontiert, mehrere Lebensabschnitte finanziell planen zu müssen. Sondern auch damit, nicht genau zu wissen, wie lange diese dauern. Man steht also vor einem Mehrperiodenproblem mit jeweils unbekannter Anlagedauer.
     
  2. Risiko: Markowitz definierte die Schwankungsbreite von Wertpapierrenditen als Maß für Risiko. Je stärker Wertpapiere schwanken, umso größer ihr Risiko. Das ist soweit auch richtig. Aber es greift für viele Anleger zu kurz. Für sie ist nicht nur das "durchschnittliche" Risiko relevant. Sondern auch, welche Verluste sie maximal aushalten müssen. Wie ein strömender Fluss, dessen Durchschnittstiefe einen halben Meter beträgt. Den ein Wanderer aber nicht überqueren kann, wenn die tiefste Stelle des Flusses zwei Meter beträgt. So ergeht es auch dem Anleger, dessen durchschnittliches Risiko 10% beträgt, dessen Portfolio aber in Extremphasen um 35% an Wert verliert.

    Zudem berücksichtigt Markowitz lediglich Marktrisiken. Nicht aber persönliche Risiken des Anlegers. Aber genau vor diesen „Event-Risiken“ müssen Sie sich schützen. Etwa vor Jobverlust, Krankheit oder Konkurs der eigenen Firma. Sie haben finanzielle Verbindlichkeiten, die eingehalten werden müssen. Oder Sie Leben vom Vermögen, das Sie veranlagen. All das beeinflusst Portfolioentscheidungen maßgeblich mit, kann aber von der modernen Portfoliotheorie nur unzureichend als "Risikoaversion" abgebildet werden.

  3. Verhaltensökonomie: Anleger sind auch nicht immer risikoscheu, wie es Markowitz unterstellt. In bestimmten Situationen, verhalten sie sich risikofreudig, wie die beiden Psychologen Kahnemann und Tversky feststellten. Auch dafür gab es übrigens im Jahr 2002 einen Nobelpreis für Kahnemann (Tversky war zu diesem Zeitpunkt schon verstorben). Markowitz selbst beschäftigte sich in einer späteren Arbeit sehr intensiv mit dem Phänomen, warum Menschen gleichzeitig Lotto spielen und Versicherungsprämien zahlen. Denn auch ihm war bewusst, dass seine Portfoliotheorie bestimmte Prämissen erfordert. Dass Anleger in jeder Situation risikoscheu seien, ist eine davon.

    Darüber hinaus stellten Kahnemann und Tversky eine weitere Eigenschaft von vielen Menschen fest, die sich mit Markowitz schwer verbinden lässt. Der so genannte "Endowment Effekt". Dieser besteht darin, dass wir etwas deutlich mehr schätzen, was wir schon im Besitz haben als Dinge, die uns nicht gehören. Versuchen Sie es selbst: Um welchen Preis würden Sie Ihrem Kollegen Ihre alte Lieblingskaffetasse verkaufen? Sie beschrieben auch das Phänomen des "Mental Accountings". Menschen tendieren dazu, "mentale Konten" zu führen. Sie separieren ihr Vermögen mental für bestimmte Zwecke, etwa für Investitionen oder die Pension. Sie unterscheiden häufig auch zwischen eingesetztem Kapital, das mental dem eigenen Besitz zugeordnet wird und erzieltem, aber nicht entnommenen Gewinnen. Dass rührt daher, dass sie mental noch nicht dem "Endowment" zugerechnet werden. So wird der Verlust nicht entnommener Gewinne im Vergleich zu "Kapitalverlusten" häufig weit weniger schmerzlich wahrgenommen als es die von Markowitz postulierte Nutzenfunktion vermuten ließe. Nun lässt sich erklären, warum manche Anleger von "Spielgeld" sprechen, wenn es um bestimmte Teile ihres Wertpapierportfolios geht.

All das legt nahe, nicht nur EIN Wertpapierportfolio mit einem Risiko-Ertragsprofil zu führen. Sondern mehrere.

Keine Zinsen mehr, was tun? Die Ziele der Geldanlage

Auf Grund des Niedrigzinsumfeldes ist es heute wichtiger denn je, sein Vermögen richtig zu veranlagen. Wir unterscheiden drei Ziele der Geldanlage.

  1. Schutz vor persönlichen Risiken: Anleger müssen sich vor Extremrisiken schützen, die nicht nur ihr Vermögen substantiell bedrohen, sondern gar ihre finanzielle Existenz.
  2. Vermögensniveau halten: Anleger sollten danach streben, ihren Lebensstandard zu erhalten.
  3. Aufsteigen: Anleger können darauf abzielen, durch ihre Veranlagung in die nächsthöhere Vermögensklasse aufzusteigen.

Wie lege ich mein Geld richtig an? Die drei Dimensionen der Geldanlage

Wir empfehlen für jedes der drei Anlageziele eine spezielle Portfoliostruktur:

Das Sicherheits-Portfolio sollte aus kurzlaufenden, sicheren Staatsanleihen bestehen. Idealerweise mit Inflationsschutz. Auch Gold kann Teil des Sicherheitsportfolios sein. Auf Grund seiner Kursschwankungen sollte der Anteil aber nicht zu hoch gehalten werden. Zur Absicherung eines Mindeststandards können auch Derivate eingesetzt werden. Oberste Prämisse der Portfoliokonstruktion besteht in der finanziellen Absicherung, speziell in Extremsituationen. Daher zählen im weiteren Sinne auch das Eigenheim und Versicherungen zu diesem Teil der Veranlagung.

Das Kapitalmarkt-Portfolio sichert den aktuellen Lebensstandard. Es wird nach der "Modernen Portfoliotheorie" verwaltet und bildet in der Regel den größten Teil des Geldvermögens. Ziel ist es, durch laufende Erträge und Kursgewinne an der globalen Wirtschaftsleistung zu partizipieren. Investiert wird in Aktien von großen und mittelgroßen Unternehmen (auch aus Schwellenländern), in Unternehmens- und Hochzinsanleihen sowie in Staatsanleihen zur Beimischung. Durch die Optimierung der Portfolioeffizienz wird ein maximaler Ertrag bei gegebenem Risiko erzielt.

Das Aufsteiger-Portfolio liefert das "Extra" an Chancen. Es ist ein konzentriertes Portfolio aus Small Cap Unternehmen sowie Alternativen Investments, wie insbesondere Private Equity und Derivat-Strategien. Anleger und ihre Ziele sind sehr individuell. Mit sehr hohen Ertragschancen gehen auch hohe Risiken einher. Das Aufsteiger-Portfolio erhält daher in der Regel den geringsten Anteil der drei Portfolios.

Zusammenfassung

Die Moderne Portfoliotheorie nach Markowitz stellt Privatanleger in der Praxis vor nahezu unlösbare Aufgaben. Viele Anleger verzichten daher auf die Vorteile, die diese einfache Theorie mit sich bringt. Anstatt gänzlich auf sie zu verzichten, empfehlen wir, die Portfolioziele auf drei Portfolios zu verteilen.

Das Sicherheits-Portfolio sichert über alle Lebensphasen hinweg einen finanziellen Mindeststandard und Schutz vor Armut. Es ist auch Basis dafür, selbst in turbulenten Marktphasen ein gewisses Vermögen zu erhalten. Oder, um es bildlich auszudrücken: Um den Fluss auch an seiner tiefsten Stellen durchwaten zu können. Dafür nimmt der Anleger unterdurchschnittliche Anlagerenditen in Kauf.

Das Kapitalmarkt-Portfolio sichert langfristig den erarbeiteten Lebensstandard, den man gemäß "Endowment Effekt" nicht mehr verlieren möchte. Es ist Voraussetzung für den Vermögenserhalt und für positive Portfolioerträge trotz Inflation. Maximale Diversifikation und eine optimale Portfolioallokation nach Markowitz bilden die Grundlage dafür.

Manchmal sind Anleger eben doch risikofreudig. Große Vermögen wurden neben großem persönlichen Einsatz meist durch das Eingehen großer Risiken geschaffen. Das Aufsteiger-Portfolio bietet Chancen, die mit Markowitz nicht mehr zu erzielen sind.

Richtig eingesetzt kommen Anleger so in den Genuss der "Modernen Portfoliotheorie", genießen den Schutz vor zu großen finanziellen Risiken und die Chance, finanziell in die nächste Vermögensklasse aufzusteigen.

 

Hinweis: Dieser Text ist eine freie Wiedergabe des im Jahr 2005 im „The Journal of Wealth Management“ erschienen Artikels „Beyond Markowitz: A Comprehensive Wealth Allocation Framework for Individual Investors“ von Ashvin B. Chhabra. Für eine ausführliche Beschreibung des Anlageprozesses sprechen Sie bitte mit unseren Beratern.

Wolfgang Ules © Capital Bank
geschrieben von Mag. Wolfgang Ules

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