Türkei Krise © Türkeikrise (pexels.com)

Zinsen: Mutter und Vater allen Übels

14.08.201814. August 2018 2 min Lesezeit

Mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von knapp 7% zählte die Türkei seit der Finanzkrise zu den wachstumsstärksten Ländern der Erde. Jetzt befindet sie sich in einer handfesten Währungskrise. Seit Jahresbeginn verlor die türkische Lira um über 40% gegenüber dem Euro an Wert. An den Kapitalmärkten sorgt der Verfall der türkischen Währung für Beunruhigung.

Was kann den Lira-Verfall stoppen?

Beobachter sind sich einig: Was es braucht, sind Zinserhöhungen der türkischen Notenbank, um den Lira-Verfall zu stoppen. Aber die türkische Notenbank bleibt zögerlich. Schon im Juli hätte sie die Zinsen als Reaktion auf die steigende Inflation anheben müssen, tat es aber nicht. Und auch jetzt begnügt sich die Notenbank mit Maßnahmen zur Stützung des türkischen Bankensektors. Es fällt einem schwer, an die politische Unabhängigkeit dieser Institution zu glauben, deren wichtigstes Instrument ihre Glaubwürdigkeit ist. Denn der türkische Staatschef Erdogan mag Zinsen nicht.

Erdogans Einmaleins der Volkswirtschaft

Nicht nur, dass er entgegen des Einmaleins der Volkswirtschaftslehre der Meinung ist, dass steigende Leitzinsen kein Mittel gegen Inflation wären, bezeichnet er Zinsen sogar als „Mutter und Vater allen Übels.“ Als etwas, das Reiche noch reicher und Arme noch ärmer macht. Letztere trifft der Verfall der türkischen Währung allerdings am stärksten, sie konnten ihr Erspartes nicht ins Ausland bringen. Schuld sei ohnehin nicht die heimische Wirtschaft. Womit er grundsätzlich Recht hat. Sondern eine Verschwörung aus dem Ausland. Womit er falsch liegt.

Erdogan sucht neue Freunde

Er müsste seiner Volkswirtschaft nur die Medizin erlauben, die sie braucht, bevor es zu spät ist. Stattdessen verwickelt er sich in Streitigkeiten mit seinem Nato-Verbündeten. Deren ebenso egozentrischer Präsident auf die schwache Lira mit Zöllen auf Stahl und Aluminium reagiert, nur um den Verfall der türkischen Lira nochmals zu befeuern. Erdogan antwortet Trump daraufhin in einem Kommentar in der „New York Times“ und will sich neue Freunde suchen.

Wer könnte der Türkei helfen?

Aber wer könnte der Türkei wirtschaftlich helfen? Mit Russland befindet sich die Türkei derzeit in einer Annäherung. Doch der potentielle Finanzierungsbedarf der Türkei würde die Möglichkeiten Russlands weit überschreiten. Saudi Arabien, das anderen sunnitischen Ländern immer wieder finanzielle Unterstützung einräumt, stößt die Annäherung der Türkei an Russland und den Iran sauer auf. Gelder aus Saudi Arabien erscheinen derzeit ebenfalls unwahrscheinlich. Dafür bekommt die Türkei wirtschaftliche Unterstützung aus Katar in Höhe von 15 Milliarden US-Dollar.

China hingegen dürfte in der gegebenen Situation ausscheiden. Im Handelsstreit mit den USA wäre eine Unterstützung der Türkei verschwendete Munition. Großes Interesse an einer wirtschaftlich stabilen Türkei hätte allenfalls Europa. Nicht nur auf Grund der türkischen Flüchtlingslager, deren Öffnung befürchtet werden müsste. Auch französische und italienische Banken haben sich stark in der Türkei engagiert und müssen Verluste befürchten. Eine wirtschaftliche Rettung der Türkei ließe sich aber politisch kaum verkaufen. Gerade nicht in Deutschland, das Erdogan noch vor einem Jahr beschimpfte.

Wie groß ist die Gefahr?

Die größte Gefahr geht von einer Ansteckung der Schwellenländer im Allgemeinen aus. Davon ist derzeit aber noch wenig zu spüren. In den letzten Tagen waren zwar auch deutliche Bewegungen im Russischen Rubel und dem Südafrikanischen Rand zu beobachten, andere Währungsmärkte blieben bisher aber weitgehend unbeeindruckt.

Potentielle Risiken birgt auch das Türkeigeschäft europäischer Banken. An vorderster Front stehen ausgerechnet spanische, italienische und französische Institute. Im schlimmsten Fall kommt es zu neuem Kapitalbedarf dieser Bankhäuser durch steigende türkische Zahlungsausfälle.

Auch der europäische Handel mit der Türkei ist begrenzt. Nur 1,3% der europäischen Exporte gehen in die Türkei. Die engsten Handelsbeziehungen pflegen Bulgarien, Rumänien und Griechenland mit der Türkei.

Wolfgang Ules © Capital Bank
geschrieben von Wolfgang Ules

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