Eine Parabel mit vielen Enden.

14.11.2013

Subatomare Teilchen in der Quantenmechanik: Vor wenigen Wochen wurde der Physik-Nobelpreis 2013 für die theoretische Entdeckung des Ursprungs von Masse vergeben. Nach einem der beiden diesjährigen Preisträger, Peter Higgs, ist auch jenes Teilchen benannt, welches der Materie demnach Masse verleiht – das so genannte Higgs-Boson

Higgs beschrieb seine Theorie bereits in den 1960er-Jahren und bald wurde sie Teil des Standardmodells der Physik. Der experimentelle Nachweis des Higgs-Bosons war allerdings bis vor wenigen Jahren technisch unmöglich. Erst der Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider im Forschungszentrum CERN ermöglichte es, die Existenz dieses speziellen Elementarteilchens experimentell zu bestätigen.

Im Juli 2012 war es schließlich soweit. Die Einrichtung konnte die Entdeckung eines Bosons, bei dem es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um das gesuchte Higgs-Teilchen handelte, bekannt gegeben. Das Standardmodell der Quantenphysik, das bekannte Elementarteilchen und deren Wechselwirkungen untereinander beschreibt, ist damit um einen weiteren experimentellen Beweis reicher. Doch während diese Theorie die Kräfte des unendlich kleinen nahezu perfekt beschreibt, ist sie für die Kraft des unendlich Großen - der Gravitation – unzulänglich. Quantenmechanik und Gravitation können weiterhin nicht in einer gemeinsamen Theorie zusammengefasst werden.

Es erscheint paradox, dass ausgerechnet jene Kraft, die im alltäglichen Leben so präsent ist, mit dem Standardmodell der Quantenphysik nicht in Einklang zu bringen ist. Schließlich berechnet schon jedes Kind instinktiv die parabelförmige Flugbahn eines Balls oder Indianer-Pfeils, auf wenige Zentimeter genau. Es weiß: Was nach oben geht, kommt auch wieder runter.

Etwa zur selben Zeit, als Higgs seine Theorie formulierte, begann in den Industriestaaten auch der parabelförmige Höhenflug der Kapitalmarktzinsen, an dessen Ende wir heute stehen. Und Anleger wie Kreditnehmer stellen sich die Frage: „Werden die Zinsen wieder steigen?“. Die Antwort darauf lautet: Ja! Die Kapitalmarktzinsen werden wieder steigen. Doch wie hoch, wie schnell und vor allem wann ist ungewiss. Auch wenn die Kapitalmärkte in Vielem der Physik gleichen, die „Flugbahnen“ von Zinsen und Aktienkursen lassen sich nicht vorausberechnen. Aber es gibt Regeln, die wir Ihnen mitgeben möchten. Und wer sie befolgt, wird am Ende auch Erfolg haben. Sie betreffen deshalb auch nicht weniger als die drei Grundelemente des Investierens: Steuern, Risiko und Ertrag.

1. Die Steuer

Die österreichische Kapitalertragssteuer erscheint gerade bei verzinslichen Anlagen einfach. Der Staat erhält 25% der laufenden Zinsen, der Rest verbleibt dem Anleger. Doch der Zinsbegriff wird herkömmlich weit ausgelegt. Kupons fallen da genauso darunter wie Renditen. Nun können sich Kupons und Renditen aber erheblich voneinander unterscheiden. Denn der Kupon wird zum Laufzeitbeginn der Anleihe einmalig festgelegt. Die Rendite wird dagegen vom Preis bestimmt, zu welchem die Anleihe später gehandelt wird. Je höher der Preis steigt, umso tiefer fällt die Rendite. Weil die Anleihepreise in den vergangenen Jahren in lichte Höhen stiegen, liegen die Renditen gerade älterer Anleihen deutlich unter den Kuponraten.

Daher ist es wesentlich, ob die Rendite oder der Kupon besteuert wird. Nun die gute Nachricht. Kann der jährliche Verlustausgleich in Anspruch genommen werden, unterliegt die laufende Rendite der 25%-igen Kapitalertragssteuer. Aber Vorsicht, dies gilt nur unter der Voraussetzung, dass die Papiere nach dem 1.9.2011 erworben wurden. Wer zuvor Anleihen erwarb und diese noch besitzt, liefert 25% des oftmals weit höheren Kupons an den Staat ab. Nach unseren Auswertungen verschenken Anleger auf diese Weise jährlich noch immer 210 Millionen Euro an den Staat. Das müsste nicht sein. Denn ein Umstieg auf die günstigere Besteuerung wäre so einfach. Sie müssen nur Anleihe-Altbestände veräußern und die Erlöse neu investieren. So kommen Sie mit dem Neubestand automatisch in den Genuss niedrigerer Steuern.

Worauf Sie bei der Neuauswahl der Papiere achten sollten, darauf gehen wir in den beiden folgenden Abschnitten ein.

2. Das Risiko

Anleihebesitzer sind im Wesentlichen zwei Risiken ausgesetzt. Dem Bonitätsrisiko, also der Gefahr des Zahlungsausfalls des Schuldners und dem Zinsänderungsrisiko. Wir möchten hier auf Letzteres eingehen, werden uns aber am Ende dieses Investorenbriefes auch mit einer aktuellen Thematik hinsichtlich des Bonitätsrisikos beschäftigen.

Wie schon zuvor beschrieben, steigen die Anleihekurse, wenn die Renditen/Zinsen fallen. Leider verhält es sich umgekehrt genauso und eben darin besteht das Zinsänderungsrisiko. Anleihekurse fallen, wenn die Zinsen steigen. Wie stark die Kursverluste ausfallen, hängt von der Höhe des Zinsanstiegs und der Restlaufzeit der Anleihe ab. Je höher der Zinsanstieg und je länger die Restlaufzeit, desto höher ist der zu erleidende Kursverlust. Aus Angst vor steigenden Zinsen flüchteten viele Anleger daher in den vergangenen Jahren in Geldmarktkonten und andere Geldmarktveranlagungen. Also in Veranlagungen mit sehr kurzen Laufzeiten. Eine kluge Entscheidung? Vielleicht. Aber nur dann, wenn Sie einen kurzfristigen Anlagehorizont hatten. Andernfalls haben Sie in den vergangenen zwei Jahren zweistellige Renditen verpasst.

Besser als sich seiner Angst zu ergeben ist es, sich ihr zu stellen. Einige Selbstverteidigungskenntnisse können dabei aber natürlich nicht schaden. Deshalb möchten wir Ihnen hier die wichtigsten Strategien zu Ihrem Schutz zeigen. Dazu unterscheiden wir zwei Gruppen von Anlegern. Abhängig davon, zu welcher Gruppe Sie sich zählen, sollten Sie Ihre Verteidigungsstrategie wählen. Anleger in unserer ersten Gruppe wissen genau, wann sie einen bestimmten Geldbetrag für Investitionen oder Vermögensübergaben benötigen. Meist handelt es sich dabei um eher kurze oder mittelfristige Anlagehorizonte bis etwa 5 Jahren.

Sollten Sie sich zu dieser Gruppe zählen, könnte eine Strategie für Sie geeignet sein, auf die auch Banken und Versicherungen in ihrer Kernveranlagung zurück greifen. Die etwas sperrige Bezeichnung dafür lautet „fristenkongruentes Investieren“. So kompliziert der Begriff auch klingen mag, so einfach ist die Strategie. Investieren Sie in Anleihen, deren Restlaufzeit Ihrem Anlagehorizont entspricht. Fallende Kurse können Ihnen dann nichts mehr anhaben. Schließlich wissen Sie: Selbst wenn Ihre Anleihen nach einem Zinsanstieg zu einem Kurs von 80% gehandelt werden, bei Tilgung der Anleihe erhalten Sie 100% zurück bezahlt. Ist der Tilgungszeitpunkt optimal auf Ihren Kapitalbedarf abgestimmt, sind Sie immun gegen zwischenzeitliche Kursverluste. Bitte achten Sie bei dieser Strategie aber besonders auf eine hervorragende Bonität Ihres Schuldners!

Haben Sie dagegen einen langfristigen, aber nicht genau bekannten Anlagehorizont, ist diese Strategie nicht mehr sinnvoll. Die Frage der richtigen Laufzeiten der Anleihen wird weniger vom Anlagehorizont und mehr von der Struktur der Zinskurve und Ihren Anlagezielen bestimmt. Grundsätzlich gilt, je mehr Sicherheit Sie benötigen, umso kürzer sollten Sie die Laufzeiten Ihres Rentenportfolios wählen. Um Ihnen Anhaltspunkte aus der Vergangenheit zu geben, haben wir die US-Zinsentwicklung in den Jahren 2003-2006 betrachtet. In dieser Zeit stiegen die Geld- und Kapitalmarktzinsen in den USA deutlich an.

Und wie Sie wohl richtig erwartet hatten, waren in den Rentenveranlagungen in der ersten Zeit der Zinsanstiege durchwegs Verluste zu erleiden. Diese sind umso höher, je länger die Restlaufzeiten der jeweiligen Anleihen sind. Ihnen wird aber in der nachstehenden Grafik auch auffallen, dass sich die Wertentwicklung aller Laufzeitsegmente trotz anhaltend steigender Zinsen bald zu drehen beginnt und nach oben zeigt. Dies gilt insbesondere für das kürzere Laufzeitensegment zwischen drei und fünf Jahren.

Außerdem ist zu erkennen, dass es die Geldmarktveranlagung erst zum Ende dieser Periode schaffte, die Entwicklung der kurzfristigen (drei- bis fünfjährigen) Anleihen aufzuholen. Und das, obwohl die Geldmarktzinsen auf über 5% anstiegen. Aktuell müssen Sie in Geldmarktveranlagungen mit etwa 0,2% vorlieb nehmen. Sie sehen, es muss nicht gleich der Geldmarkt sein, in den man sich flüchtet. Wer steigende Zinsen erwartet, ist mittelfristig meist besser beraten, Anleihen im Laufzeitensegment um 3 Jahre zu halten.

3. Die Rendite

Dass Anleger steigende Zinsen erwarten, ist nicht neu. Eigentlich tun sie das fast immer. Auch im vergangenen Jahrzehnt, in dem die Zinsen kontinuierlich fielen, war dieses Phänomen zu beobachten. In der folgenden Grafik ist in orange die Renditeentwicklung 5-jähriger US-Staatsanleihen dargestellt. In grau sehen Sie jene Rendite 5-jähriger US-Papiere, die sich die Marktteilnehmer jeweils 12 Monate später erwarteten. Es ist deutlich zu sehen, dass die Erwartungen trotz fallender Zinsen fast durchgehend über den jeweils herrschenden Renditen lagen. Die Security KAG hat daraus ihre „FIXIES“ Strategie abgeleitet, die in all unseren Rentenfonds und natürlich auch in der Vermögensverwaltung der Capital Bank zum Einsatz kommt.

Das Verhältnis von Laufzeit und Rendite wird in der so genannten Zinsstrukturkurve dargestellt. Die folgende Grafik zeigt eine aktuelle Zinsstrukturkurve für Europa. Sie sehen, dass die Zinsen mit wachsender Restlaufzeit steigen. Dies ist der Ausdruck der Markterwartung steigender Zinsen, wie vorhin dargestellt. Halten Sie eine Anleihe über ein Jahr, „rutscht“ sie auf der Zinskurve um einen Punkt nach unten. Sie sehen, unabhängig davon, auf welchem Punkt Sie sich ursprünglich befunden haben – ein Jahr später stehen Sie etwas tiefer. Die Rendite Ihrer Anleihe ist gefallen und der Preis dadurch gestiegen.

Diesen Preisanstieg bezeichnen wir als Zinskurvenbeitrag. Und dieser ist umso größer, je steiler die Zinskurve ist. In Europa beträgt er derzeit laufzeitabhängig bis zu 1,25%. Die noch steilere Zinskurve der USA erlaubt aktuell sogar bis zu 2% zusätzliche Renditen aus dem Zinsstrukturbeitrag.

Die Renditeerwartung eines gut verwalteten Anleihedepots kann damit fast verdoppelt werden. Dies steht allerdings unter einer Prämisse. Nur wenn die Zinsstrukturkurve in einem Jahr dieselbe ist wie heute, ist auch genau dieser Zinskurvenbeitrag zu erwirtschaften. Stehen die Zinsen in einem Jahr tiefer, sind sogar darüber hinaus noch weitere Kursgewinne erzielbar. Stehen die Zinsen in einem Jahr allerdings höher, schrumpft diese Zusatzrendite. Dennoch erweist sie einen guten Dienst. Sie ist ein Puffer gegen drohende Kursverluste.

Exkurs

Im Frühjahr dieses Jahres wurde auf Zypern mit einem Dogma gebrochen. Bis dahin galt es sprichwörtlich als Sakrileg, Sparer im Konkursfall einer Bank zur Kasse zu bitten. Stattdessen wurden in Europa staatliche Gelder in Milliardenhöhe in marode Banken gepumpt. Das führte bekanntlich dazu, dass nun auch einige Staaten am Rande des Abgrundes stehen. Deshalb musste sich der politische Wille in Europa ändern. Auf Zypern war bereits Schluss mit Staatsgeldern für Sparer. Konto- und Sparbuchsalden über 100.000 Euro wurden eingefroren und schließlich zur Deckung der Bankverluste herangezogen. Damals mutmaßten wir bereits über die Schaffung eines Präzedenzfalles für Bankenabwicklungen.

Und tatsächlich legte der Europäische Rat noch im heurigen Sommer dem EU-Parlament einen Richtlinienentwurf mit einer so genannten „Bail-in“ Klausel vor. Diese besagt, dass Kunden mit Bankeinlagen über 100.000 Euro im Konkursfall an der Abwicklung der Bank nach einem klaren Ablaufplan beteiligt werden. Das Experiment „Zypern“ wurde damit zum Masterplan. Achten Sie daher bei Bankguthaben über 100.000 Euro auf die Bonität Ihrer Bank.

Nach dem Höhenflug der vergangenen Dekaden haben die Zinsen vorläufig den Boden erreicht. Anleihen deshalb zu meiden, wäre aber der falsche Schluss. Unsere kleine Zinsparabel hat schließlich einige Enden. Welches davon für Sie richtig ist, liegt allein an Ihren Bedürfnissen nach Sicherheit und Ertrag.

Aber vergessen Sie bitte nicht: Unterziehen Sie Ihr Rentenportfolio einem Steuercheck!

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